Vom fairen Lohn…

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) fordert am diesjährigen 1. Mai „faire Löhne, bessere Renten“. Doch, wie soll ein fairer Lohn eigentlich aussehen? Es ist gut möglich, dass sich Gewerkschafter unter einem ‚fairen Lohn‘ eine Verbesserung ihrer Lebenssituation vorstellen. In der Praxis gelten allerdings die Tarife als fair, welche die Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände in den Gesamtarbeitsverträgen als Mindestlöhne aushandeln. Diese bemessen sich nicht an den Bedürfnissen der Arbeiter, sondern an denen ‚der Wirtschaft‘. Dieser faire Lohn gilt dann eine Zeit lang als Massstab dafür, wie billig der Arbeitgeber seine Arbeiter bekommt.

Die kapitalistische Gesellschaft, in welcher wir leben, basiert auf dem Ausschlussprinzip. Wir Arbeiter besitzen selber keine Produktionsmittel, weshalb wir gezwungen sind, die eigene Arbeitskraft an jemanden zu verkaufen, welcher über ebendiese Produktionsmittel verfügt – einen Kapitalisten. Im Austausch dafür erhält der Arbeiter einen Lohn, also einen kleinen Teil des Wertes, den er herstellt. Der Rest, also der gesamte Mehrwert, fällt in die Hände des Kapitalisten. Der Lohn der Arbeiter reicht, meistens nur knapp, um sich den Lebensunterhalt, einen Fernseher und vielleicht noch zwei Wochen Ferien zu bezahlen. Bis zum 65. Lebensjahr – oder bald länger? – muss die eigene Arbeitskraft verkauft werden, sonst bleibt der Lohn aus.

Der oben erwähnte Mehrwert ist die Differenz zwischen dem Wertanteil, den man als Lohn erhält, sowie dem Gesamtwert, welchen man bei ebendieser Arbeit herstellt. Da nur die menschliche Arbeit Wert schafft, kann nur dadurch einen Profit erzielt werden. Genau das haben die Kapitalisten vor, wenn sie Arbeiter anstellen – sie wollen einen Profit erzeugen. Wenn sich die Anstellung eines Arbeiters lohnen soll, dann kann der Kapitalist ihm aber unmöglich den Wert bezahlen, den der Arbeiter bei der Produktion schafft. Deswegen ist es Unsinn einen fairen Lohn zu fordern, da Lohnarbeit immer Ausbeutung voraussetzt. Weil die Löhne für die Kapitalisten immer Kosten bedeuten, sind sie bemüht, diese möglichst gering zu halten. Wenn er dies nicht täte, würde unter Umständen nicht mehr genügend Profit herausspringen und das Unternehmen ginge in der Konkurrenz unter. Genau diese Konkurrenz dient den Arbeitgebern als hervorragendes Argument, die Löhne zu drücken. Dass es schlimmer ist, wegen Konkurs auf der Strasse zu stehen als einen tieferen Lohn zu erhalten, leuchtet den Meisten ein.
Wir Arbeiter sind immer Abhängig von den Kapitalisten, solange wir uns auf die kapitalistische Logik einlassen. Als Arbeiter hat man sich den Bestimmungen der Kapitalisten sowie dem kapitalistischen Alltag zu unterwerfen, da man ansonsten ohne Einkommen dasteht. Die Abhängigkeit endet nicht mit dem Feierabend. Auch ausserhalb der Arbeit bestimmen die kapitalistischen Verhältnisse unser Leben. Zum Beispiel wie viel Zeit wir neben der Arbeit überhaupt haben, wie viel Geld wir dafür haben und welche Güter wir uns kaufen können.

Wie konsequent der Gegensatz zwischen Lohn und Profit im Kapitalismus durchgesetzt wird, zeigt sich nicht nur an Milliardengewinnen und Mindestlöhnen, sondern auch daran, dass etwa in den USA leerstehende Häuser abgerissen werden, während ihre ehemaligen Bewohner daneben campieren. Es zählen im Kapitalismus die Bedürfnisse nur dann, wenn die Leute zur Befriedigung genügend Geld haben. So bleiben auch Medikamente oder Impfstoffe für viele unerschwinglich, obwohl sie schon produziert und ausreichend vorhanden sind.

Den kapitalistischen Verhältnissen verdanken wir auch die Unmengen an zu leistenden Arbeitsstunden. Wenn es nämlich um unsere Bedürfnisse gehen würde, könnten wir eine Produktion auch einstellen, wenn wir von einem bestimmten Gut genügend hergestellt haben. Dies wird allerdings im Kapitalismus nie der Fall sein, da ständig neue Märkte, Waren mit extra kurzer Lebensdauer und eine permanente Überproduktion geschaffen werden, schliesslich darf der Gewinn nicht ausbleiben.

Die Ausbeutung der Arbeiter ist kapitalistischer Alltag. Die Forderung nach einem fairen Lohn ist somit die Forderung nach einer fairen Ausbeutung – ein unlösbarer Gegensatz. Anstelle eines fairen Lohnes muss die Abschaffung der Ausbeutung, also der kapitalistischen Produktionsweise, erkämpft werden.

Nieder mit der Lohnarbeit! – Revolutionäres 1. Mai-Bündnis Bern