Wir haben sie selbst oft genug gehört, wenn wir mit dem Zug aus dem Berner Hauptbahnhof gefahren sind, die empörten Kommentare über das Transparent, das sich über die “anständigen Steuerzahler, die noch Arbeiten gehen” lustig macht. Und es ist nicht bei den Kommentaren in den Zügen und den 20er-Bussen geblieben: Mails an Reitschulgruppen, Kommentare in Onlinemedien und ein Leserbrief in der BaslerZeitung zeugen davon: die LeserInnen fühlen sich provoziert durch die vermeintlich “faulen Sozialschmarotzer, die – statt selber zu arbeiten – von der Arbeit der anderen leben.” Nur, kaum einer denkt beim Schimpfen an eine ganz andere Gruppen von Leuten, die (im Gegensatz zu den Verfassern des Transparents) effektiv von der Arbeit anderer Leute leben – nennen wir sie einmal: Kapitalisten.

Die Grund- und Immobilieneigentümer zum Beispiel, die ganz gut davon leben können, das wir jeden Tag arbeiten müssen, um die Miete für ein Dach über dem Kopf bezahlen zu können. Wir leben in einem Land, in dem 60 Prozent der Bevölkerung dieses Dach über dem Kopf bloss mietet und der Grossteil der restlichen 40 Prozent gerade mal über genügend Wohneigentum für sich (und seine Liebsten) verfügt. Komischerweise kommt niemand auf die Idee, über diese Leute zu schimpfen, die so viel Wohneigentum besitzen, dass sie es für sich nur brauchen können, um allen anderen das Geld aus der Tasche zu ziehen, indem sie es vermieten. Sie selber haben es dadurch nicht mehr nötig, selber Lohnarbeit zu leisten.

Geschimpft wird auch nicht über die Sorte Kapitalisten, die ausnützen, dass wir kein einziges unserer Bedürfnisse (wie etwa der oben genannte Wohnraum) ohne Geld befriedigen können und uns “anbieten”, durch Arbeit bei ihnen an dieses Geld zu kommen. Richtig, es geht um unsere Arbeitgeber, für die wir immer bloss ein möglichst gering gehaltener Aufwand in ihrer Rechnung sind. Eine Rechnung, die sie stets zu ihren Gunsten machen, also um für sich möglichst viel Profit zu erzielen. Und dieser Profit reicht unseren Ausbeutern locker aus, um sich neben den Investitionen fürs Wachstum ihres Geschäfts ein hübsches Leben zu machen.

Komisch, über diese Sorte “Schmarotzer” schimpft keiner. Obwohl sie es sind, die, um in der Konkurrenz, die sie selber veranstalten, vorwärts zu kommen, immer mehr Flexibilität, Leistungsbereitschaft, Einsatz, Überstunden – Arbeit eben – von uns verlangen. Und so werden wir weiterhin jeden morgen mit müden Augen das “An die Arbeit, ihr Affen” erblicken und brav für die Kapitalisten arbeiten gehen – so lange jedenfalls, bis sich auch eure Wut gegen die Richtigen richtet!