„Unsere“ westlichen Staaten brüsten sich damit, für die Menschen zu sein. Warum sollten sie auch gegen Menschen sein? Immerhin ist das ihr lebendes Material auf dem sie ihre Macht aufbauen und für den Reichtum einspannen. Und wer dafür nicht nützlich ist, der ist verloren. Das erfahren gerade die Flüchtlinge am eigenen Leib.

Einmal mehr spielt sich im Frühling dieses Jahres eine Tragödie im Mittelmeer ab. Mehrere tausend Menschen ertrinken beim Versuch mit Booten nach Europa zu gelangen. Seit dem Jahr 2000 haben schätzungsweise 23’000 Flüchtlinge auf diesem Weg ihr Leben gelassen. In den Medien und der Öffentlichkeit interessiert vor allem eine Frage: Wer ist Schuld an dem Massensterben? Die Schlepperbanden? Die europäische Abschottungspolitik? Oder die fehlenden Rettungsmassnahmen? Die Schuldfrage behauptet, jemand hätte gegen die Ordnung verstossen, und eigentlich müsste die Katastrophe nicht sein. Wir möchten uns jedoch mit den Ursachen der Tragödie befassen und wollen aufzeigen, dass sie nicht eine Abweichung, sondern Bestandteil der Weltordnung ist.

Selbstverständlich hat jeder Mensch, der sich entschliesst sein Heimatland zu verlassen, seine eigenen Gründe dafür. Dennoch kann man allgemein sagen, dass in den Herkunftsländern Zustände herrschen, die für diese Menschen keine Lebensgrundlage bieten. Sie flüchten in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den westlichen Teilen der Welt. Meist sind es die machtpolitischen oder wirtschaftlichen Zustände, welche den Menschen keine Grundlage zum Leben bieten. Und das hat System:
Kapitalistische Staaten wollen ständig ihren Geldreichtum vermehren. Er ist Grundlage ihrer Macht. Macht und Geldreichtum können naturgemäss für die Nationen nicht gross genug sein. Andere Nationen sind dementsprechend wirtschaftliche Konkurrenten; sie müssen politisch und militärisch kontrolliert werden. Standortkonkurrenz, Verdrängungswettbewerb und auch Kriege um die Vormachtstellung sind daher üblich. Wo immer möglich, wollen die Staaten ihr Geschäft weltweit erweitern, und gegen andere Nationen politisch absichern. Will sich eine politische Macht nicht einfach in die westlich dominierte Ordnung einordnen, wird sie auch mal bekriegt. Das zeigt z.B. der aktuelle Krieg um Syrien – mit den brutalen Folgen für die Menschen vor Ort.

Dringen die westlichen Unternehmen in fremde Ökonomien ein, gehen dabei lokale Produzenten meistens drauf. Und westliche Länder unternehmen umfangreiche Anstrengungen, um Bodenschätze fremder Länder für sich zu nutzen. Für die Menschen vor Ort heisst dies meist nichts Gutes: Sie werden ihrer Lebensgrundlage beraubt und falls sie für die Reichtumsvermehrung nicht (mehr) gebraucht werden, haben sie kein Einkommen. Die Menschen sind nur soweit wertvoll, wie sie taugen, aus Geld mehr Geld zu machen. So werden die Betroffenen gezwungen, in einem anderen Teil der Welt ihr Glück zu suchen.
Auch wenn die EU-Länder nicht wollen, dass Menschen Massenweise zu ihnen flüchten: Mit ihren machtpolitischen und wirtschaftlichen Anstrengungen erzeugen sie genau das. Und neben bei bemerkt: Diese Anstrengungen folgen der selben Logik, die hierzulande für Stress, Armut, Arbeitslosigkeit usw. sorgt, mit dem wir uns täglich rumzuschlagen haben.

Viele kritisieren, die Politiker_innen der EU täten zu wenig für die Rettung der Flüchtlinge. Doch auch wenn sich die EU mit Massnahmen als Retter aufspielen (sollen), ist genau deren Politik Verursacher des ganzen Debakels. Sie tun nämlich sehr viel, aber eben für ihr weltweites Geschäft und ihre die globale Ordnung. Flüchtlinge sind daher vor allem „leider unvermeidliche“ Opfer davon. Und mehr kann man von der „Humanität“ auch nicht erwarten.

Jede konkrete Hilfe für Flüchtlinge ist dringend nötig und gäbe es Frontex nicht, gäbe es bestimmt auch nicht so viele Tote. Aber dies ändert nichts Grundsätzliches an den Fluchtursachen. Deswegen ist es wichtig, sich vor dem Handeln und Demonstrieren mit den Ursachen zu befassen. Blosse Appelle an die Regierungen helfen z.B. nichts, denn gerade diese sind die Akteure der Weltordnung.
Will man verhindern, dass weiterhin Menschen auf dem gefährlichen Weg nach Europa sterben, muss man den Kapitalismus und die Weltordnungen angreifen, die die meisten nicht grundsätzlich hinterfragen.