Gewalt ist nicht homogen

In aller Regel wird Gewalt definiert als schädigendes Handeln eines Täters oder einer Tätergruppe gegen ein Opfer oder eine Opfergruppe. Dabei hat jede_r  eine Vorstellung von Gewalt. Die meisten, die dieses Wort hören, denken wahrscheinlich an Formen physischer Gewalt. Dass der Kapitalismus auf Gewalt angewiesen ist und sie auf verschiedenste Art anwendet, ist auf den ersten Blick weniger offensichtlich. Dieser Text macht sich zum Ziel, die Zusammenhänge zwischen Kapitalismus und den verschiedenen Formen von Gewalt aufzuzeigen und zu analysieren.

 

Technologisierte Gewalt im Namen des Profits

Seine volle Brutalität und Gewalttätigkeit zeigt das kapitalistische System dann, wenn sich zwei oder mehrere Volkswirtschaften in die Haare geraten. Auch wenn es kriegerische Handlungen wohl beinahe so lange gibt wie die Menschheit und diese immer blutig waren, noch nie hatte der Krieg dieses Ausmass wie er ihn im Kapitalismus hat.

Während Krieg auf der einen Seite Tod, Elend und Zerstörung bedeutet, bedeutet er auf der anderen Macht und Profit!

1,5 (1´500´000´000´000) Billionen US-Dollar steckten die UN Mitgliedsstaaten im Jahr 2010 in den Kauf von Rüstungsgütern, Tendenz steigend. Der Handel mit diesen Tod bringenden Waren ist weltweit einer der wichtigsten Wirtschaftszweige und die Waffenhersteller_innen sind aus den Börsenindexen nicht mehr wegzudenken. Doch die Rüstungskonzerne und deren Aktionär_innen sind längst nicht die einzigen Gewinner_innen; private Sicherheitsfirmen, Rohstofflieferant_innen, Technik-/ Baukonzerne und viele weitere Sparten erzielen direkt oder indirekt Profit aus den blutigen Konflikten.

Wirtschaftliche Faktoren sind meist die entscheidenden ´Gründe´, für welche Staaten in den Krieg ziehen, so beispielsweise der Zugang zu natürlichen Ressourcen oder die Erschliessung neuer Absatzmärkte1.

Der Druck im Kapitalismus, stetig zu wachsen, den Profit zu steigern, sowie der begrenzte Zugang zu verschiedenen wichtigen Rohstoffen, liefern fortlaufend neues Konfliktpotenzial und ‚Argumente‘ für neue Kriege.

 

Gute Gewalt – Böse Gewalt

Gegen Gewalt sein – ein Grundsatz, welcher von der Mehrheit in unserer Gesellschaft getragen wird. Doch wie konsequent wird er auch gelebt? Kann mensch von einem bürgerlichen Pazifismus sprechen oder sind alles nur hohle Phrasen? Ziel dieses Abschnittes ist es, die Doppelmoral und die Inkonsequenz der bürgerlichen Gewaltablehnung aufzuzeigen.

Im bürgerlichen Staat gibt es ein definiertes Gewaltmonopol, welches an die Institution Polizei abgegeben wird. Konkret bedeutet dies, dass die Polizei – und nur die Polizei – berechtigt ist, im Namen des Staates Gewalttaten zu begehen2. Schon das zeigt, dass nicht die Gewalt an sich für die Gesellschaft ein Problem darstellt. Es gibt nämlich ´gute Gewalt´, diejenige der Bullen3, die gesetzeskonforme Gewalt. Und es gibt ‚böse Gewalt‘, die verbotene, wenn mensch den bürgerlichen Medien und der Politik Glauben schenken soll,  welche am explodieren ist. In diese Kategorie zählen Dinge wie Jugendgewalt, Hooliganismus oder Sachbeschädigungen. Interessant dabei ist die Definitionsfrage. So gelten Graffitis, welche je nach Geschmack die grauen Wände verschönern, als Sachbeschädigungen, also ‚böse Gewalt‘ gegen Sachen, wobei es den Sachen ziemlich egal ist, ob ihnen Gewalt angetan wird. Das Besetzen von jahrelang leer stehenden Häusern gilt nicht als Belebung der ungenutzten Gebäude, sondern als Hausfriedensbruch, also ‚böse Gewalt‘ gegen das Eigentum. Militante Antifaschist_innen, die die menschenverachtendste aller Ideologien, den Faschismus, bekämpfen, gelten als blindwütige Schläger_innen, nicht als Aktivist_innen. Dass bei letzterem Beispiel die Bullen oft mit ´guter Gewalt´ die Faschist_innen schützen (welche selber Gewalt anwenden), macht die Ironie des Ganzen komplett. Es würde noch unzählige Beispiele, wie Pyrotechnik in den Sportstadien oder Reclaim-the-Streets-Demonstrationen geben, die diese perfiden und völlig verdrehten Zuschreibungen von nötigen und lohnenswerten Aktionen als plumpe, böse Gewalt aufzeigen.

So erstaunt es auch nicht, dass sich nichts ändert, wenn Bullen erwischte Sprayer_innen zusammenschlagen, an Demonstrationen gewalttätig gegen Demonstrierende vorgehen oder sogar Leute in den Tod hetzen. In der bürgerlichen Öffentlichkeit wird ihr Gewalteinsatz als legitim angesehen: „Sie werden schon ihren Grund gehabt haben.” Die Klassenjustiz und die Medien der Besitzenden spielen dieses Spiel mit.

Auch wenn der Gewalteinsatz der Bullen4 einmal sogar das Verständnis der Öffentlichkeit für legitime Gewalt übersteigt und es vielleicht sogar einmal zu einem Gerichtsverfahren gegen einzelne Bullen kommt, so überrascht das Resultat selten: Mit grosser Wahrscheinlichkeit kommt es zu keiner Verurteilung, die Gewalttäter_innen kommen frei und auch bullenintern wird es keine Disziplinarverfahren geben. Sogar falls einzelne Bullen Beobachtungen gemacht haben, werden sie kaum gegen eine_n der Ihren aussagen, denn der Ehrenkodex dieser Institution lässt dies nicht zu. So ist es kein Wunder, wenn Bullen, die einen jungen Mann mit Migrationshintergrund im Inneren eines Postens zusammenschlagen, sich gegenseitig schützen und straffrei davon kommen, wie es Anfang dieses Jahres in Bern geschah.

 

Strukturelle Gewalt

Im Jahre 1969 weitete der norwegische Friedensforscher Johan Galtung den bis dahin gängigen Gewalt-Begriff entscheidend aus:
Nach seiner Definition ist strukturelle Gewalt die „vermeidbare Beeinträchtigung/Verunmöglichung  grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den wirklichen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was eigentlich möglich/nötig ist” (http://de.wikipedia.org/wiki/Strukturelle_Gewalt).

Demzufolge ist alles, was Individuen daran hindert, sich frei und voll in ihren Anlagen und Möglichkeiten zu entfalten und diese zu gestalten, wie sie es für richtig halten, nicht wie bisher als Ausbeutung oder Unterdrückung wahrzunehmen, sondern als  eine klare Form von Gewalt. Darunter fallen sämtliche Formen der Diskriminierung wie Rassismus, Sexismus, Heterosexismus, Armut, Hunger, die Ausgrenzung von Behinderten, wirtschaftliche Hemmnisse wie der ungleiche Zugang zu Gütern innerhalb einer Gesellschaft oder und auch zwischen der sogenannten Ersten und der Dritten Welt, eingeschränkte Lebenschancen aufgrund von Umweltverschmutzung am Wohn- oder Arbeitsort. Auch die  Behinderung, Bekämpfung und Unterdrückung von emanzipatorischen Bestrebungen fallen somit darunter.

In dieser umfassenden Definition kann die Gewalt nicht mehr nur auf konkrete, personale Akteure zurückgeführt werden, sondern eben auf Strukturen wie gesellschaftliche Werte, Normen und Moral.  Alle diese gewalterschaffenden- und anwendenden Strukturen haben ihre Entstehung im Staat und Kapitalismus oder wurden durch ihn massgeblich geprägt und bewusst gefördert. Und dies nicht per Zufall: Sie sind für den Kapitalismus die machterhaltende und lebensnotwenige Grundlage. Die Präsenz dieser Strukturen in jedem Lebensbereich und die daraus entstehende Gewalt  wird von den Opfern oft nicht einmal mehr als solche empfunden, weil sie die eingeschränkten Lebensnormen bereits in die eigene Gedankenwelt aufgenommen, sie einverleibt haben.

 

Fazit

Die Formen der Gewalt, die das kapitalistische System täglich ausübt, sind so vielfältig wie das Leid der Betroffenen.

Während die meisten die Zwänge, die auf sie ausgeübt werden, kaum als Gewalt wahrnehmen und sich schon gar nicht als Opfer sehen wollen, wird anderen auf brutalste Weise jegliche Existenzgrundlage entzogen.

Doch so unterschiedlich die Opfer auch sind, ihr Leiden hat eine Gemeinsamkeit: es wird in Kauf genommen, um die bestehenden Verhältnisse aufrechtzuerhalten. Ein Grossteil der Menschheit wird täglich unterdrückt, um die Privilegien einer kleinen Minderheit zu schützen. Doch nicht nur Menschen, auch Tiere und unsere Umwelt sind Opfer der Ausbeutung im Namen von Profit und Wohlstand.

So vielfältig sich die Formen der kapitalistischen Gewalt auf die Opfer auswirken, so vielfältig sind deren Möglichkeiten im Leben, sich dagegen aufzulehnen. Nutzen wir diese! Lassen wir uns dabei durch die bürgerliche Gewaltdefinition nicht einschränken! Lassen wir uns unsere Kampfmittel nicht vom/von der Feind_in diktieren!


[1] Da durch Technologisierung und Entlassungen immer mehr Produzent_innen wegfallen, welche dadurch einen Teil ihrer Konsumkraft verlieren, ist es zwingend, den Konsum an anderen Orten anzukurbeln.

[2] Ausnahmsweise kann dieses Gewaltmonopol auch auf die Armee ausgedehnt werden. Dies bei einer massiven Bedrohung der inneren Sicherheit (vgl. Art. 185 der Schweizerischen Bundesverfassung).

[3] Der Einfachheit halber wird nur von Bullen gesprochen. Gemeint sind natürlich Bullen, Buletten und alle Formen des Geschlechts der Angehörigen dieses bewundernswerten Berufsstandes.

[4] Siehe Text: Polizei!