In der heutigen Marktwirtschaft werden bewusst konstruierte Verschleissprodukte hergestellt, es werden künstliche Modetrends heraufbeschworen und Luxusgüter produziert, die nur wenigen Menschen zu Gute kommen. Alles wird hergestellt, um den grössten Profit zu erzielen oder gar nicht, wenn kein Gewinn erzielt werden kann. Die Arbeiter_innen produzieren nicht, was sie für notwendig erachten, sondern weil sie auf eine Arbeitsstelle angewiesen sind und Geld verdienen müssen. Produkte werden nicht in einer Menge produziert, die für die Gesellschaft wichtig ist, sondern im Überfluss und um Gewinne zu erzielen.

All das verschlingt heute unglaubliche Mengen an Arbeitskraft, Kreativität, Ideen, Ressourcen und Zeit. Für die Herstellung und Verteilung von Waren, Lebensmitteln und Dienstleistungen wird schon heute der geringere Teil menschlicher Arbeit aufgewendet – der grössere Teil wird verschwendet und verpufft in „Leistungen”, die in einem vernünftigen Gesellschaftssystem nicht nötig wären, oder die auf andere Weise besser organisiert werden könnten. Alle Jahre wieder gibt es Studien, die ausrechnen, wieviel Arbeitsstunden der Mensch bei einer konsequenten Bedürfnisproduktion noch leisten müsste, um den Bedarf aller Menschen der Erde zu befriedigen. Zurzeit liegen diese Zahlen zwischen fünf und acht Stunden wöchentlich1.

In einer kapitalistischen Ökonomie lohnt es sich nicht, den Hunger zu besiegen, denn die hungernden Menschen stellen keinen „Markt“  dar, sie sind zu arm um zu bezahlen. Rüstung hingegen, um nur ein markantes Beispiel zu nennen, ist ein gewinnbringendes Geschäft, noch rentabler sind Kriege und die darauf folgenden Wiederaufbauarbeiten.

Was wäre anders in einer Bedarfswirtschaft?

Wie das Wort schon sagt, geht es darum, zu produzieren, was gebraucht und zum Leben nötig – also ein  Bedarf ist. In einer basisdemokratischen Bedarfswirtschaft wären alle Menschen kollektive Besitzer_innen ihrer Produktionsmittel und Konsument_innen gleichzeitig. Sie würden gemeinsam bestimmen, was sie produzieren, wie sie es produzieren und wie die Produkte verteilt werden.

Durch die dezentrale Vernetzung einer solchen Gesellschaft würden viele Güter in der näheren Umgebung erzeugt und verbraucht. Es ist ökologischer Wahnsinn, dass heute viele Produkte nur aufgrund eines Handelgewinns um die ganze Erde hin- und her transportiert werden. Gleiches liesse sich für die Weiterverarbeitung von Rohstoffen erreichen, die sich heute – ebenfalls aus Gründen des Profits – überwiegend die reichen Industrieländer gesichert haben. Eine Weiterverarbeitung könnte ebenso gut an den Orten erfolgen, wo die Rohstoffe vorkommen. Transport wäre dann nur noch für Produkte nötig, die etwa nur in bestimmten Klimazonen gedeihen oder an bestimmten Plätzen hergestellt werden können.

Das Funktionieren einer Bedarfswirtschaft würde dezentrale, kollektiv organisierte und selbstverwaltete Gemeinschaften voraussetzen. Alltägliche, einfache Arbeiten (wie Kinderbetreuung, Unterhaltsarbeiten, Gartenarbeiten, der Betrieb einer Küche, einer Bar usw.) könnten in einem kleinen Kollektiv organisiert werden. Für Dienstleistungseinrichtungen und Güterproduktionen, die komplexere Abläufe beinhalten, würden sich Kollektive aus gemeinsamem Interesse zusammenschliessen. Je nachdem, wie viele Menschen eine Produktions- oder Dienstleistungseinrichtung benutzen und bedienen, sind kleinere oder grössere Zusammenschlüsse sinnvoll. Wie viele Gemeinschaften sich jeweils zusammenschliessen, müsste an verschiedenen Kriterien abgewogen werden. Es muss mit eingerechnet werden, wie hoch der Bedarf an einer Dienstleistung oder einem Produkt auf einer gewissen geographischen Fläche ist, welche Ressourcen und welcher Arbeitsaufwand für die Herstellung der Produktionsmittel benötigt wird und wie weit der Transport- und Arbeitsweg wäre. So wäre es möglich, in allen Bereichen auf herrschaftsfreien, bewussten Entscheidungen aufzubauen. Es würden andere Entscheidungen getroffen werden, als diese heute von den Konzernen getroffen werden. Ein sinnvoller Umgang mit Ressourcen und Arbeitsprozessen würde sich ergeben.

Heisst Bedarfswirtschaft, dass wir Verzicht üben müssen?

Die kapitalistische Logik verleitet die Menschen zu einem Konkurrenzdenken und einem unvernünftigen Konsum. Im Kapitalismus werden der soziale Status und die Identität hauptsächlich über materielle Güter definiert. Produkte, die in einer kapitalistischen Wirtschaft notwendig sind, wären es in einer Bedarfswirtschaft nicht mehr. Statt unzählige Konkurrenzprodukte von unterschiedlichster Qualität könnten nach Bedarf nur noch qualitativ gute und weniger Produkte hergestellt werden. Grenzenloser, unbeschränkter Konsum und Wachstum, wie ihn der Kapitalismus proklamiert, ist sowieso nicht möglich, da die natürlichen Ressourcen beschränkt sind und Bedürfnisse die Schranken in sich selber tragen. So wie Menschen heute freiwillig auf gewisse Güter verzichten, kann auch in der Bedarfswirtschaft ein Verzicht auf gewisse Güter nicht ausgeschlossen werden.

Viele Produkte, die heute vor allem privat genutzt werden und für den grössten Teil der Menschheit nicht erschwinglich sind könnten genauso gut von einem Kollektiv genutzt werden (z.B. Autos usw.).

Die Frage, vor der wir heute stehen, ist nicht, ob wir so weiterleben können wie bisher, denn das können und wollen wir eindeutig nicht. Bedarfswirtschaft bedeutet nicht eine Verarmung unseres Lebens, sondern Verzicht auf einige unvernünftige und schädliche Dinge und Gewohnheiten. Wir können stattdessen eine neue Lebensqualität gewinnen, die mit Geld nicht gekauft werden kann. Es wäre vielleicht nicht der Luxus in Form von privater Güteranhäufung, wie er heute einer kleinen Oberschicht zukommt, dafür wäre er auch nicht auf dem Buckel anderer Lebewesen aufgebaut. Bedarfswirtschaft muss eine Solidarwirtschaft sein. In einer bedarfsgerechten Verteilung würde dem grössten Teil der Menschen mehr materieller Reichtum zukommen als heute. Was sicher verschwinden soll, ist die Ausbeutung der Menschen und der Natur.

Eine solche Wirtschaft würde heissen, nicht nur an sich selbst zu denken, sondern an alle. Eine solche Solidarität müsste weltweit wirken, ansonsten hätte sie versagt. Heute lebt der kleinste Teil der Menschen im Überfluss, während der grösste Teil nicht einmal genug zu essen hat. Die Proletarier_innen haben nichts zu verlieren, als ihre Ketten!

Wir betrachten es als notwendig, über die vorgegebenen Denkmuster hinauszusehen und neue Ideen und Ansätze als mögliche Alternativen ernst zu nehmen.


[1]

Dante, Darwin (1994): 5 Stunden sind genug. Mainhatten.

Vilar, Esther (1978): Die Fünf-Stunden-Gesellschaft. Herbig.

Von Nell-Breuning, Oswald (1985): Arbeitet der Mensch zu viel? Herder.

 

Zusätzliche Literatur:

Gorz, Andre (1983): Wege ins Paradies. Rothbuch Verlag.

Martin, Hans-Peter, Harald Schumann (1998): Die Globalisierungsfalle. Rororo.

Rifkin, Jeremy (1995): Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft. Campus.

Berkman, Alexander (1929): ABC des Anarchismus. Trotzdem.